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Interview mit Felix Meran

geführt von Clara van Broeck für „Glas & Glanz“, Frühjahrsausgabe

Felix Meran ist groß, fast unbeholfen groß, wie jemand, der sich in seiner Körpergröße nie ganz heimisch fühlt. Sein Gang wirkt leicht verzögert, als würde er jeder Bewegung vorher noch ein inneres Fragezeichen stellen. Das auffälligste an ihm sind seine Brillen: schwere, dunkel gerahmte BOI-Brillen aus den 1930er Jahren, dick wie Erinnerungen und voller Patina. Die Gläser sind so stark, dass man durch sie leicht die Struktur der Welt verzerrt wahrnimmt, was Meran sehr angemessen findet. Er benennt die Stärke der Gläser nicht in Dioptrien, sondern beharrlich Kalorien. Auf Nachfrage verweigert er jede Erklärung.

Sein Kleidungsstil ist eine Mischung aus Alt-Wiener Beamteneleganz und Anti-Mode: dunkelgraue Anzüge mit kaum sichtbarem Fischgrät, die nach Tee riechen und niemals nach Neuem. Hemden mit leicht abgeschabten Manschetten. Keine Krawatte, sondern ein loses Band, das vielleicht einmal ein Schlips war, jetzt aber eher eine Erinnerung an einen solchen. Schuhe poliert, aber nicht protzig. Man sieht, dass sie mehr Welt gesehen haben als ihr Träger.

Von Felix Meran existieren seit Jahren keine aktuellen Fotografien, auf denen er zu erkennen wäre; sehr zum Missvergnügen seiner Verleger, die inzwischen mit einer gewissen Milde darauf reagieren, als handle es sich um eine literarische Eigenheit, die man mit einpreist. Warum es keine Bilder von ihm gibt, wurde nie verbindlich geklärt. Manche sprechen von einer stillen Form der Weltverweigerung, andere ziehen Parallelen zu jenen indigenen Vorstellungen in exotischen Ländern, nach denen eine fotografische Abbildung dem Abgebildeten ein Stück der Seele raubt. Und dann gibt es noch die schlichteste aller Erklärungen: dass Meran sich selbst nicht für besonders fotogen hält, was insofern bemerkenswert ist, als er, bei aller Zurückhaltung, ein ausgesprochen gut aussehender Mann ist.

Im Besitz des Verlags soll sich eine einzige fotografische Aufnahme befinden, angeblich rund fünf Jahre alt, die Meran bei der Arbeit an seiner mechanischen Schreibmaschine zeigt. Sie wurde jedoch nie veröffentlicht.

Ausgesprochen wird sein Name mit Betonung auf der ersten Silbe, also Mé-ran, nicht wie die Stadt in Südtirol, deren Name auf der zweiten Silbe betont wird und mit der er oft verwechselt wird. Meran selbst hat sich zu alledem nie geäußert. Aber wer ihn kennt, ahnt, dass ihm genau diese Mischung aus Mythos, Missverständnis und höflicher Verweigerung nicht ganz ungelegen kommt.

Meran trägt stets ein altes Lederetui mit sich, das angeblich ein Geschenk einer Frau war, „die lieber Notizen machte als Entscheidungen“. Darin: ein Füllfederhalter mit krächzender Seele, einige losgelöste Seiten aus philosophischen Werken, eine Einladung zu einem Ball von 2006 und manchmal auch ein kleineres Stück Obst.

Sein Gesicht wirkt freundlich unbestimmt. Die Stirn hoch, aber nicht protzig. Der Mund ein wenig zu schmal für seine Meinung. Die Stimme sanft, fast wie das Knarzen von alten Sesseln. Er spricht langsam, aber nicht zögerlich; eher wie jemand, der jedes Wort kurz auf seine Echtheit prüft, bevor er es endlich freigibt.

 

CLARA VAN BROECK: Herr Meran, Sie leben seit zwei Jahren wieder in Wien, man sieht Sie meist im Café Prückel mit Notizbuch, Zeitung und einem merkwürdig lauten Füllfederhalter. Schreiben Sie dort an einem neuen Buch?

FELIX MERAN: Ich schreibe eigentlich immer an einem Buch, aber es ändert täglich seinen Titel. Gestern hieß es Vom Rutschen der Dinge, heute eher Das sanfte Vorbeisein. Morgen wird es vielleicht nur ein Inhaltsverzeichnis.

CLARA: Das klingt nach einem sehr flüchtigen Werk. Ist das typisch für Ihre Methode?

MERAN: Ich schreibe nicht, um festzuhalten, sondern um zu lockern. Ich halte wenig von Festigkeit, außer bei Aperitifs. Literatur sollte eher wie gut gelagerter Staub sein: überall, aber nie im Weg.

CLARA: Kritiker werfen Ihnen manchmal vor, Ihre Texte seien rätselhaft, ziellos, geradezu absichtlich unzugänglich. Stört Sie das?

MERAN: Nein. Ich bin ja selbst oft ratlos, wenn ich meine Manuskripte lese. Das ist ein gutes Zeichen. Ich misstraue Texten, die mir sofort gefallen. Ich misstraue übrigens auch Menschen, die mir sofort gefallen. Und mir selbst sowieso.

CLARA: Was halten Sie von der Gegenwartsliteratur?

MERAN: Ich lese sie kaum, aber ich bewundere, wie viel davon produziert wird. Es hat etwas Beruhigendes. Wie das regelmäßige Tuten von Zügen, die nicht mehr halten.

CLARA: Sie gelten als medienscheu, haben kein Profil auf sozialen Netzwerken. Warum?

MERAN: Ich glaube an das Verschwinden. Ich finde, man sollte in der Öffentlichkeit nur so sichtbar sein wie ein Möbelstück in einem dunklen Raum: erkennbar, aber nicht aufdringlich. Alles andere ist ja schon Meinung.

CLARA: Ihr Sohn soll in Georgien leben, ist das korrekt?

MERAN: Möglich. Ich habe in Georgien mehrere Dinge verloren: eine Baskenmütze, mein Vertrauen in Hotelzimmer, vielleicht auch einen Sohn. Aber das ist jetzt vielleicht zu privat.

CLARA: Darf ich abschließend fragen, was Sie aktuell lesen?

MERAN: Ein beschädigtes Exemplar der Wiener Bauordnung von 1968, am liebsten beim Frühstück. Es beruhigt mich. Es erinnert mich daran, dass es einmal Regeln gab.

CLARA: Herr Meran, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

MERAN: Ich werde mich morgen daran erinnern, als hätte es jemand anderem stattgefunden.

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